Schon
vor siebenhundert Jahren
führte von Schaffhausen aus ein schmaler Weg über die Vorderenge nach dem
Klettgau. Es war ein mühsamer, w. Hohe, alte Tannen hielten ihn selbst am hellem
Tag in geheimnisvoller Dämmerung, und seltsam geformte Kieselfelsen säumten
meinen letzten Anstieg. Abseits des Weges stand im Schutz mächtiger Bäume ein
kleines, gedrungenes Waldhaus. Hier wohnte eine alte Mutter mit Ihrer Tochter.
Längst war die Kunde von der Schönheit des Mädchens in alle Dörfer und Höfe der
Nachbarschaft gedrungen. Wer ihm auf einsamer Wanderung begegnete, war höchst
erstaunt: So anmutig hatte er sich diese Tochter des Waldes mit ihrem schlanken
Wuchs, dem blonden, langen Haar und den hellen, blauen Augen nicht vorzustellen
gewagt! Darum verging kaum ein Tag, da sih nicht ein heiratslustiger Jüngling
durch den Wald schlug und - unter dem Vorwand, die Gegend nicht zu kennen- das
Mädchen bat, ihm den Weg zu zeigen. Doch alle wies es mit dem sanften Lächeln
ab. Seine Zuneigung galt allein einem jungen Edelmann aus der nahen Stadt
Schaffhausen.
Dieser kecke Jüngling hatte das Mädchen einst auf einem Jagdzug kennen gelernt
und eine rastlose Sehnsucht trieb ihn seither zur Waldhütte. Kaum war sein Ross
gesattelt, brachte er mit klingendem Jagdhorn seiner Liebsten einen frühen
Morgengruss. Und wenn abends seine Kameraden zur Stadt zurück ritten, eilte er
zum Waldhaus und schenkte ihr von der Beute des Tages die zartesten Stücke. Erst
spät in der Nacht kehrte er jeweils zurück. Da erfuhr der stolze Vater des
Jünglings von der heimlichen Liebe seines Sohnes. Empört und gekränkt liess er
ihn rufen und voller Erbitterung herrschte er ihn an: "Entsag dieser niedrigen
Dirne, diesem unwürdigen Ding oder zieh - auf ewig enterbt- in die weite Welt!"
Kein Klagen und Flehen vermochte das harte Herz des Alten zu rühren und
schmerzlicher als je vermisste der Jüngling das gütige Walten seiner allzu früh
verstorbenen Mutter.
In seiner Verzweiflung beschloss er, sich dem Kreuzzug gegen die heidnischen
Sarazenen anzuschliessen. Von Ruhm gekrönt und mit Tapferkeit ausgezeichnet,
müsste es ihm nach der Rückkehr aus dem Heiligen Land doch möglich sein, den
Vater umzustimmen. Traurig nahm er in der Waldhütte Abschied von seiner
Geliebten und ritt davon.
Ruh- und rastlos verbrachte das Mädchen einsame Tage. Das Rot seiner Wangen
verblich, Tränen trübten die einst so strahlenden Augen. Es ahnte, dass es den
Geliebten nie mehr sehen würde. Still wie ein Schatten und von Kummer gebeugt
schlich es durch das Haus. Und als im fernen, unbekannten Land des Jünglings
Grad geschaufelt wurde, schwand auch das Mädchens Kraft dahin. Es überlebte den
Winter nicht mehr. Nächtelang wachte die alte Mutter in grenzenlosem Schmerz auf
ihrem Lager. Sie sann nach Rache. Sie wollte den Vater des Jünglings, den alle
Schuld an ihrem Unglück traf, vernichten. Da sie aber weder Mittel noch Wege
fand, ihm ernsthaft zu schaden, suchte sie Zuflucht beim Bösen. Es war ihr
bekannt, dass es möglich wäre, einen Feind durch das Schmelzen seines kleinen,
aus Wachs geformten Ebenbildes unauffällig zu töten. Sie musste das Figürchen ja
nur dem Satan weihen und es unter Zaubersprüchen und Verwünschungen am Feuer von
Haselholz langsam schmelzen lassen! So gedacht sie vorzugehen.
Auf dem Hexenstein, der oberhalb ihrer Hütte wie ein drohender Teufelsfinger aus
dem Erdboden ragte, wollte sie das verruchte Werk vollziehen. Dieser Ort schien
ihr darum besonders geeignet, weil von der flachen Kanzel des Felsens au das
Haus des Adeligen zu sehen war. Zudem wusste die Sage zu berichten, dass auf ihm
während der nächtlichen Hexentänze der Teufel selbst thronte. In aller Eile
formte sie nun aus dem Wachs wilder Bienen das Bild des erbarmungslosen
Stadtherrn. Im dichten Unterholz schnitt sie fünf gabelförmige Haselruten. Schon
in der nächsten Nacht bestieg sie damit den grauen Stein.
Kein Lüftchen wehte, dunkel und schweigsam stand der Wald. Bald zuckten die
ersten, geisterhaften Flammen des Feuers empor und schrecklich zischte das
Fluchgebet der Alten durch die Nacht. Unheimlich hallte es von den Felsen,
während sie mit aufgelösten Haaren langsam den Höllenfürsten anrief und mit
voller Rache lechzendem Herzen das Bildchen taufte. Dann hielt sie es unter
grässlichen Verwünschungen in die Glut. Dunkle Wolken hatten sich vor die Sterne
gedrängt und geheimnisvoll bebten die Wipfel der Bäume, als die besessene Alte
vom Stein herabstieg. Sie taumelte ihrer Hütte zu und warf sich erschöpft auf
ihren Laubsack.
Der Zauber wirkte. Ein unheimliches Brennen durchfuhr den Körper des
Unglücklichen. Nacht für Nacht wurde sein leiden unerträglicher und keine Arznei
vermochte die feurigen Schmerzen zu lindern. Angezehrt wälzte er sich auf seinem
Lager. Als aber die Waldfrau zum elften und letzten Mal den Hexenstein bestieg
und den Rest des Wachsbildes hinweg schmolz, schüttelten ihn noch entsetzlichere
Krämpfe und unter grauenvollen Qualen verhauchte er sein Leben.
Kurze Zeit darauf wurde die Waldfrau verhaftet. Man hatte die gespenstigen Feuer
während der vergangenen Nächte gesehen und vermutete einen Zusammenhang mit der
geheimnisvollen Krankheit des Adligen. nach langem Verhör gestand die Alte; das
Gewissen hatte ihr keine Ruhe gelassen. Zur Strafe riss man ihr Haus bis auf den
Grund nieder und zerrte sie wenige Tage später auf den Scheiterhaufen. Als Hexe
wurde sie verbrannt.