Vor Zeiten erhob sich auf der bewaldeten Kuppe des Schleitheimer Schlossranden die stolze Randenburg. Mächtige Mauern, trutzige Türme und ein breiter, tiefer Graben umschlossen sie.
Hier lebte ein frommes Ritterfräulein, Adelheid von Randenburg. Still und ruhig ging es auf seinem Schloss zu und her. Es gab keine Jagden und rauschende Feste. Oft besuchte sie in den Dörfern die Armen und Kranken, die Witwen und Waisen. Sie sprach ihnen Trost zu und milderte ihre Not. Selbst die Bedürftigen in der Stadt wurden nicht vergessen. Den Bauern auf dem Felde gönnte sie immer ein paar freundliche Worte. Spital und Kirche erhielten reiche Geschenke. So ist es nicht verwunderlich, dass die Herrin von Randenburg weit herum von der Bevölkerung geachtet, ja verehrt wurde.
Fleissig besuchte Adelheid auch die Gottesdienste in Schaffhausen. Sie scheute den weiten Weg nicht, der über die Randenhöhen durchs Hauental nach der Stadt führte. Schon vor Tagesanbruch verliess sie die Randenburg, begleitet von einer treuen Magd. Ihnen voran schritt ein zahmer Hirsch, der im Geweih ein Lämpchen trug, das in der dunklen Nacht den Weg erhellte.
Eines Morgens wurden die Pilgerinnen auf dem Kirchgang, als sie eben das Hauental durchwandert hatten, von Räubern verfolgt. In ihrer Angst eilten sie so schnell sie konnten der Stadt entgegen, die nahe und in diesem Augenblick doch so weit entfernt vor ihnen lag. Atemlos erreichten sie das Tor. Aber o weh! Es war noch geschlossen; sie waren zu früh angekommen, der Wächter hatte seinen Dienst noch nicht angetreten. Alles Rufen und Klopfen nützte nichts. In ihrer Not beteten sie um Hilfe von oben. Plötzlich sprang das Tor knarrend auf, die beiden bedrängten Frauen eilten in die Stadt hinein. Hinter ihnen schloss sich das Tor wieder: sie waren gerettet. Mit zitternden Knien wankten sie durch die noch stille Vorstadt.
Noch am gleichen Tag erzählte man sich die Geschichte von der wunderbaren Errettung des Burgfräuleins und seiner Magd. Wer aber hatte ihnen das Tor geöffnet? Das konnte nach der Meinung des Volkes niemand anders gewesen sein als ein Engel, der ihr Gebet erhört hatte. Ehrfürchtig wurde das Tor, das an jener Stelle stand, wo heute das Löwengässchen vom Bahnhof in die Vorstadt führt, Engelbrechtstor genannt.
